iCH UND ICH (Leseprobe)

Waren sie schon einmal in SO 36? Ich spreche nicht von der heutigen Zeit. Wo es ja fast schon als schick gilt dort zu leben. In einem von den nahezu schon luxuriös ausgebauten Lofts. Wo die Kunstszene sich neue Absatzmärkte erschlossen hat, aber immer noch als unglaublich alternativ gilt und daher kommt. Wo im Laufe der Jahre ein multikultureller Schmelztiegel entstanden ist und der Anteil der Gewerbetreibenden exorbitant gestiegen. Wie auch die Mieten. Nicht, dass sich äußerlich viel verändert hätte. Aber Kreuzberger Innenansichten sehen heute ganz anders aus, als - sagen wir mal – vor fünfundzwanzig Jahren. Demnach schreiben wir das Jahr 1985.

SO 36 war zu diesem Zeitpunkt ein durchaus beliebter Berliner Teilbezirk mit einem sehr hohen Anteil zureisewilliger und nicht gerade assimilationswütiger türkischer Staatsbürger.

Und warum kamen diese Menschen ausgerechnet voller Enthusiasmus in diesen Stadteil? Nun, die Wohnungen waren groß genug für alle Familienmitglieder und zudem sehr erschwinglich, um nicht zu sagen billig. Dass dieser Service nicht ohne Abstriche zu erreichen war, schien nur all zu folgerichtig. So wurde unter Anderem an der Müllabfuhr gespart, welche nur einmal in der Woche die Tonnen leerte – aber meist nur den Müll wegzuschaffen vermochte, der sich auf den Gehwegen an den Häuserwänden stapelte. Und in einigen Wohneinheiten nutzten die Familien eines Stockwerkes eine Toilette eine halbe Etage tiefer. In privilegierten Gebäuden besaß dann jede Familie gar ihren eigenen Kloschlüssel.

Auch sprachlich gab es keinerlei Anpassungsschwierigkeiten. Es sei denn die türkische Sprache wurde von längst Vorausgezogenen durch einen leichten deutschen Akzent verwässert.

Es existierten ausreichend kulturelle Begegnungsstätten. Vorzugsweise der Hausflur, die Straße oder – wenn es überhaupt nicht mehr anders ging – hoch über den Köpfen kommunikationsmüder Mitbürger - von Balkon zu Balkon. Dies allerdings, der guten alten Wäscheleine folgend, von einer Straßenseite zur anderen. Sie sehen, hier wurden selbst Räume genutzt und ausgefüllt, die eigentlich gar nicht vorhanden waren. Kurz gesagt, wo die halbe zugereiste Nation satt wurde, würde auch die andere Hälfte nicht hungern müssen.

Ja, so sah es aus, damals in Kreuzberg 36. Diesem leuchtenden Beispiel einer Metropole. Es grenzte an drei Stellen an die innerdeutsche Grenze und war somit vom Kommunismus förmlich umzingelt und beeinflusst. (Dieser spiegelte sich später in Form von Tauschbörsen – also Ware gegen Leistung – freiwillig reinitialisiert wieder. War ja auch nicht alles schlecht am Kommunismus).

Man Konnte SO 36 also damals bereits als weltoffenen und global ausgerichteten Teilbezirk bezeichnen, der seine geringen räumlichen Ressourcen anderen Völkern zur Verfügung stellte. Als hätten Amerikaner, Briten und Franzosen sich nicht schon genug davon unter den Nagel gerissen.

Aber egal. Diese durchaus politischen Hintergründe und Zusammenhänge durchschaute ich damals noch nicht. Ich war noch zu klein und an ganz anderen Dingen interessiert. Bis wir dahin kommen, müssen sie sich aber noch ein wenig gedulden.

Angereichert wurden immer noch leer stehende Wohnkomplexe – beziehungsweise deren Teilbereiche – durch den Zuzug von Punks, linken Chaoten, Hausbesetzern, sowie einer gesellschaftskritischen Künstlerszene.

Auch vermehrte sich das temporäre Auftauchen Obdachloser. Diese nächtigten allerdings lediglich vom Frühjahr bis zum Spätsommer in den extra dafür errichteten Parkanlagen. Wo sie in den restlichen Jahreszeiten verblieben, wusste so recht niemand. Auch das Interesse daran, dieses Geheimnis zu lüften, hielt sich in überschaubaren Grenzen. Es entstanden ja in den seltensten Fällen Mietrückstände durch unbewohnte Parkanlagen, und kaum ein Obdachloser – wie auch andere Zugezogene - konnte sich der türkischen Bevölkerungsmehrheit verständlich machen. Sie sehen, wie sich bereits in diesem Zeitalter ein Mangel an Bildung negativ auf den sozialen Kontext ausgewirkt hat. Aber davon...siehe oben.

 

Jedenfalls wohnte in der Nummer achtzehn irgendeiner Querstraße der Oranienstraße im zweiten Hinterhof, Seitenflügel, dritter Stock, die Familie Önder. Damals noch nicht so unüblich wie heute (außer fachbegrifflich) in einem – nennen wir es - Mehrgenerationenhaus. Acht Personen in vier Zimmern. Vom Enkel bis zur Großmutter war alles vertreten. Streckenweise mehrfach.

Hamoudi, das jüngste Mitglied der Önders, lernte ich nur schlafend, unter dem Applaus aller anderen kackend auf dem Töpfchen im Wohnzimmer sitzend oder lauthals schreiend kennen. Ersteres war mir eindeutig am Liebsten.

Noch suspekter als der kleine Mann war mir Fatma. Sie sah aus wie sie hieß. Sie musste ein wenig jünger als ich gewesen sein, aber genauso groß. Immer wenn ich vor der Wohnungstür der Familie gelangweilt herum lungerte und dann, kindlicher Erschöpfung nahe, aus Versehen gegen den Klingelknopf der Önders taumelte und die Tür von dem der ihr gerade am Nächsten stand aufgerissen wurde und derjenige mich auch noch direkt erkannte, kam Fatma wie auf ein geheimes Zeichen hin aus ihrem Zimmer gestürzt und baute sich breitbeinig und breit lächelnd vor mich auf. Sie besaß nicht viele Zähne. Aber die, welche sie besaß, waren ebenfalls schön breit und füllten den gesamten Mundraum aus. Von da an wich sie mir nicht mehr von der Seite. Ihr Mund schloss sich nie wirklich, obwohl sie nichts zu sagen hatte. Zwischenzeitlich hatte ich wirklich Angst, das Mädchen sollte früh verheiratet werden und die Familie hätte mich als Ehemann ausgewählt. Weil ich häufig da war und eh nichts besseres zu tun hatte.

Sobald der Tisch zur Mahlzeit gedeckt war, verschwand Fatma jedoch regelmäßig. Vermutlich war auch der Rest ihrer Sippe von diesem dauerhaften, dämlichen Grinsen genervt und ertrug es nicht auch noch zum Essen. Komischer Weise schien das nur den männlichen Wesen so zu gehen. Denn alle weiblichen begleiteten das gesichtsmuskulär dauerentgleiste Wesen nach draußen. Mit all ihren anderen muskulären Fehlfunktionen wurde ich zum Glück nie konfrontiert.

Das Essen gefiel mir ganz gut. Es war ganz anders als bei mir zuhause. Immer frisch zubereitet. Eine unglaubliche Fülle unterschiedlicher Speisen von denen jeder das nahm, wonach ihm gerade war. Das Einzige daran, was ich nie verstand war, warum man diese dünnen weichen Lappen noch in Soße oder anderes Gemantsche tunken musste, ehe sie zwischen die Zähne geschoben wurden.

Naja, es wäre vermessen gewesen, sich über die Zustände in diesem Hause auch noch zu beschweren. Schließlich kannte ich die Leute ja kaum. Es war reiner Zufall, dass sich eines Tages, als ich bei meinem Freund Tore geläutet hatte und niemand öffnete – weil ich vielleicht zu früh war, oder mich gänzlich im Tag geirrt hatte – die gegenüberliegende Tür aufflog und ein etwa fünfjähriger Knirps an mir vorbei die Treppen hinunter schoss, wobei sich der hinterher gezerrte Plastikroller in einer meiner Kniekehlen verfing. Dieses unvorhergesehene Hindernis, also ich, bremste seinen Vorstoß so abrupt, dass er die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor, das Lenkrad verriss und mit dem Kopf gegen die ihm immer schneller entgegen kommende Fensterbank schlug. Die Wirkung auf meine Person hingegen, war diametral umgekehrt. (Das klingt wortakrobatisch grandios – ist inhaltlich allerdings vollkommen falsch und unhaltbar.) Der Aufprall des Fahrzeugs auf die Rückseite meines Geh- und Stehgelenkes, verbunden mit dem des durch überhöhte Geschwindigkeit an mir vorbei rauschenden Fahrers entstehenden Soges , wurde ich sozusagen, gänzlich unvorbereitet, gleichzeitig nach vorne und unten katapultiert. Sämtliche Stufen auf einmal überfliegend, landete ich glücklicherweise dennoch relativ weich. Es hätte nämlich alles noch viel schlimmer ausgehen können. Hätte sich nicht in dem Augenblick, in dem ich kopfüber wie eine Rakete auf das ungeöffnete Fenster des nicht renovierten, hörbar Putz von der Wand bröselnden Treppenhauses zu schoss, der Unfallgegner plärrend und mit letzter Kraft auf die Beine gehievt und den nicht unbeträchtlichen Umfang seines, in ein hässliches, rot-weiß gestreiftes T-Shirt gepressten, aufgeblähten Bauches dank seines Einatmens mir als Airbag entgegen gestreckt, wäre ich bestimmt noch mehrere Kilometer weiter geflogen. Oder bis zum nächsten hölzernen oder steinernen Hindernis, welches sich mir mutig in den Weg geworfen hätte. So jedenfalls, wurde ich recht weich aufgefangen, beziehungsweise abgefedert und trug lediglich einen – eine Woche anhaltenden – steifen Hals davon, sowie einige Schürfwunden.

Touran, so hieß der Junge, den man im Nachhinein wohl doch als Unfallverursacher und Unfallopfer in Personalunion bezeichnen musste (Jahrzehnte später wurde aufgrund der akribischen Analyse des Unfallhergangs und dessen Wirkung im Sinne der inneren Sicherheit auf Mensch und Fahrzeug ein Volkswagenmodell nach ihm benannt), stellte die Aussonderung unnatürlicher und quälend lauter, sowie unverständlicher Geräusche mit dem Moment meines Aufpralls abrupt ein und bemühte sich angestrengt die nächsten Sekunden, für alle Beteiligten Nerven schonend, nur noch stumm nach Luft zu schnappen.

Diese Wirkung übertrug sich leider nicht in gleichem Maße auf dessen Angehörige. Aufgeschreckt von dem Krawall im Treppenhaus – oder dessen plötzlichem Nachlassen – stürmten sie alle zeitgleich den naheliegendsten Raum außerhalb ihrer eigenen vier Wände. Nach Sekunden anhaltender vollkommener Ruhe setzte, wie auf Kommando, hektisches Geschnatter und Gejammer in einer mir unbekannten Sprache (abgesehen vom Gejammer, welches wohl in jeder Völkergemeinschaft einen ähnlichen Klang aufzuweisen schien) ein. Parallel dazu, durch aufkeimende Aufmerksamkeit und Interesse an seiner Person angestachelt und mit neuer Energie versorgt, setzte auch hörbar die Atmung und damit einhergehend – dafür umso lauter und schriller – das Geplärre des kleinen, motorisch wohl eher unbegabten Dickerchens erneut ein.

Die weiteren Details zu diesem Vorfall erspare ich ihnen an dieser Stelle. Sie sehen wie weit ich hier und da vom Thema abschweife. Und ich fürchte, es wird nicht besser. Für diesen Moment sollten ihnen die Fakten reichen. Die gesundheitlichen Folgen für meine Person hatte ich ja bereits dargelegt. Weitere Auswirkungen dieses Tages waren, dass ich Tore nicht mehr traf, da ich mit meiner neu gewonnenen Ersatzfamilie im Krankenhaus landete. Von da an war ich allerdings regelmäßiger und gern gesehener Gast der Familie Önder. Ob ich wollte oder nicht.