JAKUB (Leseprobe)

Erschienen am 10. Dezember 2010
Erschienen am 10. Dezember 2010

 

1

 

Jakub lag auf seinem Bett. Den Kopf tief in sein Daunenkissen vergraben. Das Zimmer abgedunkelt, die Rollläden herunter gelassen. Die Wände frisch tapeziert und schwarz gestrichen. Das war seine Idee.

Verdammt!

Tränen waren schon lang versiegt. So dunkel sein Zimmer in der sonst so hellen, freundlichen und warmen Vierzimmerwohnung war, so düster sah es in ihm selber aus. Je mehr er über sein kleines, vertanes Leben nachdachte, desto weniger erkannte er sich selbst darin. Oft genug war er geflohen, geflüchtet. Von zu Hause abgehauen. Tagelang durch die Stadt gestreift, unfähig Kontakte zu knüpfen. Immer auf der Suche nach – ja was eigentlich?

In Drogen. Die halfen ihm eine Zeit lang mit sich selbst klar zu kommen, ohne sich dabei selbst akzeptieren zu können. Irgendwann war ihm das Zeug zuwider. War er sich selbst zuwider.

In Aggression und Gewalt. Solange, bis niemand mehr wagte auf ihn zuzugehen. Seine Eltern schon gar nicht.

Die sind einfach nur erbärmlich alt.

Jahrelang haben sie versucht ihrem Sohn alles zu bieten. Weite Reisen. Teure Markenklamotten. Doch je weiter die Reisen gingen, desto mehr entfernte sich Jakub von ihnen. Mit jedem Jahr verloren sie ein Stück mehr von ihm.

Seit Tagen hatte er sein Zimmer nicht verlassen. Auf Klopfen an die Tür bekamen sie keine Antwort. Irgendetwas flog dann immer gegen die Zimmertür.

Immerhin ein Lebenszeichen.

Resignation machte sich breit. Hilflosigkeit. Hilflosigkeit und Wut. Wut darüber, so viel in ihren Sohn investiert zu haben. Für nichts. Für einen Verlierer und Versager. In einen, der es nicht einmal zu einem Schulabschluss bringen würde. In einen, der die viele Mühe seiner Eltern nicht achtet und sich stets und ständig gegen alle Regeln stellt.

Verdammt!

 

Jakub lag reglos auf seinem Bett. Den schmächtigen Körper ausgestreckt. Das Bettzeug zerrissen und zerschnitten.

In einem Anfall von Wut hatte er die Bettwäsche von Hertha BSC komplett auseinander genommen. Anschließend war er, komplett bekleidet, wie ein wilder schreiend auf der französischen Liege herum gesprungen.

Im Moment war all seine Kraft verpufft. Die Dunkelheit gab ihm Sicherheit, aber sie drohte auch langsam ihn zu erdrücken.

„Jakub. Mach die Tür auf. Du musst doch mal was essen. Ich habe Spaghetti gekocht. Mit deiner Lieblingssauce.- Jakub."

Sie soll mich einfach in Ruhe lassen, abgewrackte Kuh!

Hungergefühl hatte er keines mehr. Die Tage ohne jede Nahrungsaufnahme, hatten dafür gesorgt, dass er nichts mehr brauchte. Nichts mehr wollte.

Sein Handy klingelte. Spiel mir das Lied vom Tod. Es hatte sich nicht oft gerührt in den vergangenen Tagen. Wer sollte ihn auch anrufen. Und warum. Jakub versuchte dieses schrille Geräusch zu ignorieren. Es gelang ihm nicht. Dieses Scheiß Ding klingelte und klingelte.

Sein Kopf begann zu dröhnen und pochen. Es ging nichts mehr hinein. Genauso wenig wie in seinen Magen. Der einzige Unterschied bestand darin, dass sein Kopf gefüllt war. Gefüllt mit wenig sortierten Gedanken. Die keine Lösung fanden. Keinen Ausweg. Jakub hielt sich die Ohren zu. Doch es half nichts. Spiel mir das Lied vom Tod fraß sich unaufhörlich in sein Hirn. Schob alles andere beiseite.

Ich muss die Scheiß Mailbox abgeschaltet haben.

Wütend, jetzt doch mit tränenden Augen, griff der Junge nach dem Handy. Durch den Tränenschleier konnte er das Display nicht genau erkennen. Seine Mutter war es jedenfalls nicht. Unbekannter Anrufer. Jakub drückte die ok-Taste, weil er Angst hatte, sein Kopf würde binnen der nächsten Sekunden in lauter Einzelteile zerspringen.

„Ich kann nicht meehr!", schrie er aus Leibeskräften und warf das Handy an die gegenüberliegende Wand. Es war wieder still. Totenstill.

Erneut vergrub der Junge sein Gesicht in seinem Daunenkissen. Plötzlich waren sie wieder da - die Tränen. Er versuchte sich zu beruhigen, zur Ruhe zu zwingen. Doch er verlor den Kampf sich selbst steuern zu wollen. Wie schon so oft. Seine Steuerung war kaputt. Und so ergab er sich schluchzend und am ganzen Körper bebend, den Tränenbächen. Irgendwann mussten sie ja versiegen. Irgendwann.

Verdammt

 

Die Wohnung im vierten Stock der Eisenacher Str. 21 war sehr hell. Sie wirkte wohnlich, vermittelte aber auch einen sterilen Eindruck. Die Küche, ganz in weiß gehalten, wirkte wie seit Tagen unbenutzt. Und das, obwohl Roswitha Bergmann gerade erst eine Mahlzeit für ihren Sohn Jakub bereitet hatte.

Die zierliche, blonde Mittdreißigerin hatte den Teller mit Spaghetti und Sauce Bolognese fast lautlos vor Jakubs Tür abgestellt, nachdem dieser wieder einmal nicht auf ihre Ansprache reagiert hatte. Verzweifelt ließ sie sich am Küchentisch nieder. Das Gesicht in die Hände gestützt überlegte sie, welche Möglichkeiten es überhaupt noch gab, an ihren Sohn heranzukommen. Sie hatten schon so viel versucht.

Der Weg zum Jugendamt bleibt noch.

Aber da hatte Paul, ihr Mann, etwas dagegen.

„Eine gesunde Familie ist in der Lage sich selbst zu helfen.", sagte er immer. Und lehnte jede Hilfe von außen ab. Sie fühlte sich hilflos. Zur Untätigkeit verdammt. Jeder Versuch helfend oder unterstützend auf ihren Sohn einzuwirken, wurde von Paul im Keim erstickt.

„Du verweichlichst ihn. Wenn du so weiter machst, wird er ein Muttersöhnchen - ein Taugenichts. Kinder brauchen eine starke Hand. Klare Führung und klare Grenzen."

Sie hatten so unterschiedliche Auffassungen von Erziehung. An diesem Punkt erkannte sie ihren Mann kaum wieder. Er war so zärtlich, einfühlsam und offen - wenn es um die Partnerschaft ging.

Sie führten über Jahre hinweg eine vorbildliche Ehe. Hatten sich eine Existenz aufgebaut, die auf soliden Beinen stand. Dabei stand seine Karriere etwas mehr im Vordergrund als die ihre. Aber das kümmerte sie wenig. Sie ging darin auf, Jakub groß zu ziehen.

Und nun saß sie da und hatte alle Karten verspielt.

Paul hatte schon vor Wochen aufgehört ihr zuzuhören, wenn es um ihren Sohn ging. Er hatte ihn aufgegeben. Sobald Roswitha ihre Gedanken, Sorgen und Ängste mitteilen wollte, wurde er gar aggressiv.

„ Lass mich mit dem Schlappschwanz in Ruhe. Versager auf der ganzen Linie. Wenn er sich nicht bald bewegt setzen wir einen Schlussstrich unter seinen Aufenthalt hier. Soll er doch anderswo vergammeln. Wir haben nicht unser ganzes Leben schwer gearbeitet, um uns jetzt von deinem Sohn ausnehmen zu lassen."

„Aber...Aber...", Roswitha drohte die Stimme zu versagen. Tränen standen in ihren Augen. „Das darfst du nicht sagen. Das meinst du auch gar nicht so. Du.."

„ Und ob ich das so meine. Nimm den Jungen nicht immer in Schutz. Wenn er morgen das Haus nicht Richtung Schule verlässt, fliegt er raus. Und ich helfe ihm persönlich beim packen!"

Paul Bergmann stürmte aus der Küche und, mit knallender Tür, auch aus der Wohnung. Fassungslos blieb Roswitha zurück. In ihr kochte es. Sie stemmte die Füße so fest auf den Boden, dass ihr nach kurzer Zeit die Waden schmerzten.

Die zierliche Frau suchte Halt und fand ihn in körperlichem Schmerz, der für kurze Zeit ihre Seelenqualen überdeckte.

Als sie das Gefühl hatte, ihre Adern würden gleich platzen, begann sie in der Küche auf und ab zu gehen. Tränen liefen ihr die ungeschminkten Wangen hinunter. Ohne es beeinflussen zu können, begann ihr ganzer, graziler Körper zu beben, bis sie in lautes, unkontrolliertes Schluchzen ausbrach. Mit erstickter Stimme schrie sie:

„Wir brauchen Hilfe. Hilfe. Nicht nur Jakub - wir alle. Es geht doch alles kaputt. Paul, hörst du?"

 

Roswitha Bergmann zuckte zusammen als das Telefon läutete. Sie hatte sich vollkommen ihrer Trauer und Wut hingegeben, dabei jegliches Zeitgefühl verloren. Inzwischen war es dunkel geworden. Auch das hatte sie nicht wahrgenommen. In der Wohnung brannte kein Licht. Sie hatte Mühe sich zu orientieren.

Irgendwann muss sie an dem antiken Küchenbuffet zusammengesackt sein. Die Beine angewinkelt, den Kopf in den verschränkten Armen auf die Knie gestützt. Die Ärmel ihrer geblümten Bluse waren völlig durchnässt.

Das Telefon klingelte erneut. Wo war Paul? Warum nimmt niemand den Hörer ab?

Mit augenscheinlich letzter Kraft erhob sich die Frau und streckte sich, um erst einmal die Verkrampfung aus ihrem Körper zu bekommen. Langsam tastete sie sich durch den Flur ins Wohnzimmer, wo auf einem eichenden Beistelltisch das Telefon zum dritten Mal läutete. Als sie es endlich erreichte, hatte es der Anrufer offensichtlich aufgegeben.

Roswitha Bergmann fand den Lichtschalter. Nach und nach gewöhnten sich ihre verquollenen Augen an die Helligkeit. Sie sah sich um. Alles schien unverändert. Doch das plötzlich einsetzende flaue Gefühl in der Magengrube ließ sie an der äußerlichen Ordnung zweifeln. Von tiefer Unruhe gepackt schlich die Mutter und Ehefrau durch die ihr nur zu gut bekannten Räumlichkeiten. Der Bewegungsablauf stand in hohem Maße der sekündlich steigenden Nervosität entgegen. Schließlich erreichte sie die Zimmertür ihres Sohnes. Roswitha Bergmann klopfte an, was ihr gleichwohl sinnlos vorkam. Jakub hatte seit Tagen nicht geöffnet. Ein Ohr an die Altbautür gepresst, lauschte sie nach Geräuschen, die sie eventuell hätten beruhigen können. Aber da war nichts. Rein gar nichts.

Einem Impuls folgend drückte sie die Klinke herunter - und erschrak sogleich. Wider erwarten ließ sich die Tür öffnen, was ihre Unsicherheit nur noch verstärkte. Sie konnte sich kaum noch erinnern, wann sie dieses Zimmer zuletzt betreten hatte.

„Jakub?"

Der Frau fiel es schwer einen Fuß über die Schwelle zu setzen. So starrte sie minutenlang in die Dunkelheit, ohne sich zu rühren.

„Jakub?" Schon lauter.

Schließlich überwand sie sich und betätigte den Lichtschalter. Die kurze Zeit der Bewegung verwandelte sich sofort in atemlose Starre. Ihr Mund öffnete und schloss sich, ohne dabei auch nur einen Ton ausstoßen zu können. Dies lag zum Einen an dem endlosen Durcheinander und daran, dass Etwas fehlte. Das Bett war leer. Das Zimmer war leer. Durch einen Metallhaken an der Decke hing ein zu einer Schlinge geknotetes Bettlaken. Auch sie war leer.

Um Gottes Willen!

Verzweiflung gewann die Oberhand. Die Tränen kehrten zurück. Bewegung kehrte zurück. Hektisch. Roswitha rannte zur Wohnungstür. Noch ehe sie diese aufreißen konnte, erblickte sie im Briefschlitz einen Umschlag. Gedankenverloren zerfetzte sie ihn.

 

Mama. Es tut so weh. MUSS etwas dagegen tun. Ich weiß, dass du alles versucht hast. Weiß auch, wie sinnlos dein Unterfangen war. Du warst immer zur falschen Zeit am falschen Ort. Oder ich.

Verletzt, verarscht, verloren. Entsetzt, entnervt, entlarvt. Du weißt nichts. Begreifst nichts. Ich liebe dich. Vielleicht kannst du nichts dafür. Ich hasse dich. Weil du bist, wie ich nie werden will. Aber ich bin wohl auf dem besten Weg dahin. Du hast gesehen wie feige ich bin.

Du tust mir leid. Ich habe gelernt mit Schmerzen zu leben. Aber wie groß wird dein Schmerz sein, wenn ich weg bin. Vergiss mich. Ich hab mich schon vergessen. Und du bist die nächste. Mein Kopf tut so weh.

 

                                                                                                           br