KURZGESCHICHTEN

Mein lieber Severin

 

Es ist spät. Ich weiß. Zu spät?

Wenn der Zug einmal den Bahnhof verlassen hat, fährt er kilometerweit. Immer nur in eine Richtung. Rücklichter zu betrachten macht selten glücklich. Eine Rückkehr ist nahezu unmöglich – zumindest in derselben Konstellation. Genauso gut könntest du in den Himmel schauen und warten das ein herunterfällt.

Schauen. In deine Augen schauen.

Eine Ewigkeit hat mich dein Blick verfolgt. In meiner Vorstellung, meiner Erinnerung. Weil ich weiß, wie deine braunen Augen schauen.

Wenn sie strahlen, wenn sie lächeln. Wenn sie Sehnsucht ausstrahlen. Wut, Trauer und Dankbarkeit. Am schlimmsten war es für mich, wenn sich deine Augen mit Tränen gefüllt haben. Mit allen anderen Ausdrücken konnte ich gut umgehen. Sie gehörten zu dir wie deine Hände, Ohren und Füße.

Ich konnte in deinen Augen versinken. Auch, wenn du nicht gesprochen hast. In ihnen Lesen. Was du dir wünschst, was dich quält oder was du erlebt hast erkennen. Ein Buch, in dem mit jedem zwinkern eine Seite umgeblättert wurde. Ein Buch, welches irre geschichten zu erzählen wusste. Dramen, Komödien, Actionfilme.

Dann wusste ich, wie ich zu reagieren hatte, was du erwartetest oder brauchtest. Es war so einfach. Doch sobald du weintest war ich hilflos. Ich wurde ganz weich und hatte nur noch ein Bedürfnis. Ich hatte ein Bedürfnis – nicht du. Das ist doch nicht richtig. Ich wollte deinen Kopf in meinen Schoß legen und kopfüber aus deinen Augen das salzige Wasser trinken. So lange Trinken und Schlucken, bis all deine Tränen ausgetrunken wären. Flössen sie nur tropfenweise oder in Bächen. Egal.

Ich habe das nie getan.

 

Warum ich mich so an deinen Augen festhalte, fragst du? An diesem letzten Blick, den ich real ja gar nicht gesehen habe? Schließlich saß ich im Zug und du standest auf dem Bahnsteig.

Vielleicht war es in dem Moment eine tröstliche Vorstellung zu wissen oder zu glauben, dass du weintest. Auch, wenn ich es sonst nur schwer ertrug.

Aber du hast Recht. Es gibt noch so viele andere Dinge, die ich dir sagen möchte. Sagen sollte.

 

Weißt du noch? Der Gnubbel rechts außen an der Seite deiner rechten Hand?

Inzwischen hat er sich verwachsen. Wir haben dir erzählt, dass du dir bei einem Sturz die rechte Hand gebrochen hättest und die Knochen nicht richtig zusammengewachsen wären. Wir dachten, mit der Wahrheit würden wir dir Schaden zufügen. Weil du dann schlecht von dir denken könntest. Dich wie ein Alien fühlen. Dabei ist die Wahrheit gar nicht schlimm.

Du hattest an dieser Stelle der Hand einen zweiten Daumen. Das passiert manchmal. Eine Laune der Natur. Du hättest ihn leider gar nicht als solchen nutzen können. Außerdem sah der sechste an deiner Hand schon ulkig aus. Und ulkig genug sahst du als Baby ohnehin aus. Das hat sich mit der Zeit verwachsen, mein Hübscher. Bei der Korrektur des Daumens haben wir halt ein bisschen nachhelfen lassen. Sei nicht sauer oder traurig. Es war eine winzige Notlüge.

 

Oder stört dich das wir? Weil du nicht weißt, was das bedeutet? - Noch eine Notlüge.

Menschen sind nicht perfekt, mein Großer. Auch wenn Kinder das gerne in ihren Eltern sehen möchten. Die Perfektion. Oft auch umgekehrt. Ich hoffe, so war ich nie.

Du hattest einen Papa. Einen liebevollen und zutiefst menschenfreundlichen Papa. Er war groß und hat sich von beginn an auf dich gefreut. Als du da warst, war er richtig vernarrt in dich. Aber eben auch humanistisch geprägt. Er war Agronom. Und er wollte immer dafür sorgen, dass es allen Menschen gut ging. Das war sein großer Traum. Da mussten dann einzelne Wesen – wie du und ich zurückstehen.

Ich glaube, es war kurz nach deinem zweiten Geburtstag. Da ging er als Entwicklungshelfer nach Togo. Das liegt in Afrika. Anfangs schrieb er noch. Lange Briefe, in denen er von seiner Arbeit, den Menschen und der Armut berichtete. Der Ton seiner Schreiben ließ schon erkennen, dass er sich sehr wohl fühlte und sich in Land und Leute verliebt hatte.

Nach drei Jahren blieben die Briefe aus. Es gab keine Verbindung mehr. Ich weiß bis heute nicht, ob er dort unten lebt oder tot nist, wie Oma und ich es dir erzählt haben.

Es schien uns besser für Klarheit zu sorgen, als dich ständig im Ungewissen zu lassen. In einer wirren Hoffnung, er könne jeden Augenblick in der Tür stehen.

Wenn es uns nicht zu aufwändig gewesen wäre, hätten wir gar einen Ort geschaffen, an dem du ihn besuchen kannst. Das hätte aus einer Notlüge aus Rücksicht eine Lüge gemacht. Einen durchdachten und geplanten Schwindel.

Heute bin ich froh, dass wir es unterlassen haben. - Solltest du jemals das Bedürfnis haben nach deinem papa zu suchen, schreibe ich dir hier seinen Namen auf. PETER ORGAST, geboren 7. Mai 1961. Geheiratet haben wir beide nicht. Das war uns nicht wichtig.

 

Ich schreibe den Brief bin dem Zug, dem du wahrscheinlich weinend hinterhergeschaut hast. Wann Oma ihn dir gibt, weiß ich nicht. Darüber haben wir nicht gesprochen. Diese Entscheidung liegt ganz bei ihr – und ich bin sicher, sie wird den passenden Zeitpunkt finden.

Dieser Zug jedenfalls bringt mich ein Hospiz, hoch in den Alpen. Ich wollte räumlich so weit weg, von dir, wie es nur geht. Nicht, um dich nicht mehr sehen zu müssen.

Ich liebe dich.

Es geht eher darum, dass du mich nicht mehr sehen solltest. Mich so in Erinnerung behältst, wie du mich ein kurzes Leben lang kanntest.

Ich fahre dorthin, um zu sterben. Die Bemerkung mit der unmöglichen Rückkehr vom Anfang des Briefes, war also keine Beschwichtigung. Kein Märchen. Niemand fängt Sterne auf. Ich werde sterben und komme nicht mehr zurück.

Ich bin schon sehr lange krank. Das war ich schon vor deiner Geburt. Deine Geburt war ein großes Geschenk und dein Dasein hat meine Krankheit eine lange Zeit in den Hintergrund gedrängt. Für einen Moment glaubten die Ärzte gar an Heilungschancen. Aber so ist das halt mit der meisten Hoffnung. Unsäglich. Du hast mein leben sehr bereichert und tatsächlich verlängert.

Ich habe dir nie etwas von meiner Krankheit erzählt, weil ich vermeiden wollte, dass du in ständiger Angst um mich aufwächst und zu früh Verantwortung übernimmst.

Du solltest dich frei entwickeln können, Vertrauen in dich und andere finden und optimistisch in die Welt blicken. Ich glaube, das ist uns ganz gut gelungen.

Wenn es dir doch einmal schlecht geht oder du dich alleine fühlst, dann mache es wie ich: Öffne einfach deine Hand und warte. Nach kurzer wirst du spüren, wie meine Hand die deine ergreift und sie warm umschließt. So, wie sie es immer getan hat. Genauso möchte ich gern einschlafen. Gefühlt mit deiner warmen, kleinen Hand in meiner.

Und wenn du wirklich einen brauchst, zudem du zurückkommen möchtest – nimm Oma oder einen Freund mit. Dann geht ihr gemeinsam zum Hauptbahnhof auf Gleis 12 und schaut den abfahrenden Zügen hinterher.

 

In Liebe

Mama