LEERGUT uf Treibsand (Leseprobe)

 

„Jetzt ist aber mal Ruhe. Setzt Euch und haltet mal einen Moment lang die Klappe!“ Ingo Ladewig ist Ausbilder für das Maler- und Lackiererhandwerk bei einem Bildungsträger. Er atmet zweimal hörbar durch und fährt sich mit beiden Händen durch sein ausgedünntes, dunkles Haar. Dann wendet er sich von der Gruppe Jugendlicher ab und starrt die Barackentür an. Auf Ruhe wartend.

Die Tür war mit Kritzeleien übersät und von Schmierereien in katastrophalem deutsch verschandelt. An einigen Stellen platzte die graue Farbe ab. Aber das störte den Malermeister schon lange nicht mehr. Sollten diese kriminellen Nichtsnutze doch alles kaputt machen, wie sich selbst. Er hatte am Ende eines jeden Monats sein Auskommen, egal wie viele von den Chaoten er zur Ausbildungsreife führte.

Früher, ja früher war das alles anders. Noch vor der Maueröffnung hatte er seinen eigenen Betrieb in Friedrichshain. Da hat er auch ausgebildet. Aber die Jungs konnten dann auch etwas, wenn sie bei ihm durch die Schule gegangen waren. Und wenn einer nicht spurte, halfen klare Ansagen, eine kurzfristige Suspendierung oder es wurde eben Meldung gemacht. Dann kümmerte sich die Partei um die Versager.

Nach der Wende konnte er seine kleine Firma nicht mehr halten. Aber seine Arbeits- und Lebenserfahrung verschafften ihm den Ausbilderposten bei der Berufsausbildungsgesellschaft Berlin Nord.

Hier traf er auf viele Gleichgesinnte, die der Wende zum Opfer gefallen waren und nun, etwas entspannter wie zu Zeiten der Selbständigkeit ihr täglich Brot verdienten.

Bis vor vier Jahren ging es Ingo Ladewig auch gut hier. Die Kids lernten das, was sie sollten und wer nicht spurte, fehlte oder sonst wie unangenehm auffiel, flog raus. Eine Meldung ans Arbeitsamt und schon sorgte dies für Nachschub. Alles war einfach, gut und ruhig. Doch dann tauchte dieser Sozialpädagoge auf. Robert Koof. Mit Sozialpädagogen musste man sich in der Jugendberufsbildung ja schon immer beschäftigen. Das ist so ein Völkchen für sich, aber dem Ausbilder gelang es immer sich zu arrangieren. Irgendwann funktionierten die einfach. Aber dieser Spinner. Natürlich aus dem Westen. Machte alles anders. Und anstatt sich von dem zu trennen, wurde er hofiert. Da half kein anscheißen und verleumden. Irgendwann sind die dem alle wie Ratten hinterher gerannt. Erzählte etwas von Jahresverträgen, welche die Jugendlichen in der Berufsvorbereitung hätten. Ein Jahr, um wieder in die Spur zu kommen. Egal, was die Kaputten anstellten. Zweite Chance, dritte Chance, letzte Chance. So ein Schwachsinn. Und dann immer mit diesem sozialpädagogisch – weinerlichem Begründungsgesülze. Der zerstörte doch im Nu die Autorität der Ausbilder, sodass es niemanden verwunderte, dass die Jugendlichen einem auf der Nase herumtanzten. Aber damit war jetzt Schluss. Zumindest in der Ausbildungsbaracke von Ingo Ladewig.

 

Der Endfünfziger wandte sich wieder den Jugendlichen zu, nachdem auch das letzte Rascheln und Flüstern verstummt war. In dem kleinen Aufenthaltsraum befanden sich in der Mitte längs aneinandergereiht vier Tische, die mit Papier abgedeckt waren. Links und rechts davon fanden zwölf Jugendliche auf Stühlen Platz. Diese waren an diesem Montag auch tatsächlich alle besetzt. Keiner fehlte. Rechts an der Wand hing eine Schiefertafel, auf welche mit Kreide der Tagesplan eines jeden Einzelnen angeschrieben war. Am rückwärtigen Ende des Raumes war ein großes Fenster, welches den Ausblick auf eine kleine Grünfläche und das Haus in dem die Maurer und Gerüstbauer untergebracht waren, zuließ.

„Das erste halbe Jahr ist rum und ihr seid noch alle da. Ich betone: noch! Vielleicht werdet ihr auch am Ende des Jahres noch alle da sein. Aber ich garantiere euch: Wenn ihr weiter macht wie bisher, erreicht keiner von euch die Ausbildungsreife. - Ihr habt jetzt geschlagene zwölf Minuten gebraucht, damit hier Ruhe einkehrt. Wir sind doch verdammt noch mal nicht im Kindergarten!“

Die letzten Worte hatte der Ausbilder wütend und aggressiv gebrüllt und dabei mehrfach mit der Faust auf den Tisch geschlagen. Damit hatte er jetzt die volle Konzentration aller auf sich gezogen.

Die Jugendlichen waren längere Ansprachen ihres Ausbilders schon gewohnt, aber nicht in der Intensität. Einige, die ihren Kopf auf der Tischplatte abgelegt hatten, dröhnte nun ganz schön der Kopf.

„Diese Zeit ziehe ich euch von der Mittagspause ab.“, fuhr Ingo Ladewig ruhiger fort. Aufkeimende Proteste erstickte er mit einer Handbewegung und den Worten: „Ich schaue gern auf die Uhr und die Pause verkürzt sich weiter. Abgesehen davon geht es mir dann ja auch nicht anders. Wir können die Zeit aber auch gerne hinten dranhängen. Dann leiden eben eure Freizeitaktivitäten, falls man das so nennen kann, was ihr nach Arbeitsende so treibt. Bevor ich euch nun also gleich in die Pause entlasse, die genau achtzehn Minuten beträgt, werdet ihr noch eure Arbeitsgeräte säubern und die Farben und Lacke verschließen.“

Damit trat der Ausbilder einen Schritt zurück, öffnete die Tür des Aufenthaltsraumes und hielt die Klinke noch fest mit seiner rechten Hand umfasst. Sofort stieg der Lautstärkepegel wieder an. Stühle wurden an Wände getreten und das Pulk Jugendlicher setzte sich in Bewegung. An der geöffneten, aber durch den Ausbilder blockierten Tür kamen sie wieder zum stehen. Ingo Ladewig hatte noch etwas zu sagen:

„Ach übrigens. Falls jemand weinen oder sich auskotzen muss – über Mami, Papi oder böse Ausbilder – euer Sozialheini ist nach Wochen der Abwesenheit wieder aufgetaucht und hat bestimmt für jeden ein offenes Ohr.“

Damit gab der Ausbilder die Tür frei, Die Reaktion der Jugendlichen auf diese Aussage war eher bescheiden. Nicht, dass sie sich nicht über die Rückkehr von Robert Koof gefreut hätten. Aber sie wussten, dass der nicht besonders gut mit ihrem Ausbilder konnte. Das hatte Vor- aber auch eine Menge Nachteile.

 

„Hier, Robert. Kaffee für dich. Wie du ihn magst – zwei Löffel Zucker und viel Milch.“

Die kleine untersetzte Frau mit roten langen Haaren stellte den Pott an den Rand des birkenholzenen Schreibtischs.

„Schön dass du wieder da bist.“

Robert Koof sah von seinem Aktenstudium auf. Er zwang sich zu einem Lächeln und erwiderte:

„War wohl Zeit, bei dem Mist der hier in den letzten Wochen gelaufen sein muss. So viele Abmahnungen auf einen Haufen habe ich seit Jahren nicht gesehen. Hier versucht sich jemand auf Kosten der Kids zu profilieren. Was soll der Mist? Konntest du nichts dagegen tun?“

Der Sozialpädagoge schlürfte geräuschvoll den heißen Kaffee und ließ die Akte auf den Schreibtisch fallen.

Susanne Mattes nahm ihm gegenüber an ihrer Seite des kleinen Büros Platz. Dies teilten sie sich, seitdem sie gemeinsam vor viereinhalb Jahren in der Berufsvorbereitung angefangen hatten. Es brauchte einige Zeit bis sie sich an den Arbeitsstil ihres Kollegen gewöhnt hatte. Sie konnte sein Handeln nicht immer nachvollziehen, aber der Erfolg gab ihm Recht. Gemeinsam hatten sie die komplette Arbeit mit den Jugendlichen umgekrempelt.

„Hey, es ist dein erster Tag nach neun Wochen. Mach dir nicht gleich wieder Feinde. Schon gar nicht mich. - Ich hatte genug mit meinem Haufen zu tun. Da konnte ich mich nur partiell um deine Klopse kümmern. Hab immerhin `nen Rausschmiss verhindert. Mehr war nicht drin.“

Robert Koof verschluckte sich an seinem Kaffee und hätte ihn fast über den Aktenberg auf seinem Schreibtisch gespuckt.

„Wer? - Ich meine, wen wollte das alte Arschloch kündigen?“

Die Sozialpädagogin lehnte sich in ihren Schreibtischstuhl zurück. Sie musste ihre Beine ganz ausstrecken, um den dunkelbraunen Teppich mit ihren Füßen berühren zu können.

„Du kennst ihn doch. Sobald Ingo niemand mehr auf die Finger schaut macht er sein Ding. Und zwar so, wie er es schon immer getan hat. Der ist nicht wirklich lernfähig und versteht von dem was du ihm erklärst maximal die Hälfte.“

„Wofür haben wir denn die vergangenen Jahre gekämpft, wenn es nicht nachhaltig ist. Wenn dann doch jeder arbeiten darf, wie es ihm gerade einfällt. Man, wir haben das im Leitbild der Firma festgeschrieben, es war Thema in jeder Teamsitzung. Warum kontrolliert denn in diesem Scheißladen niemand, welches Menschenbild den Jugendlichen vermittelt wird? - Also wen?“

Robert Koof hatte sich mächtig echauffiert und begonnen in dem Büro der Sozialpädagogen auf und ab zu gehen. Bevor seine Kollegin antworten konnte läutete das Telefon und sie sprach für einige Minuten mit einem ihm unbekannten Teilnehmer. Zeit, sich wieder zu beruhigen und in aller Ruhe den Kaffee auszutrinken.

„Hör mal. Ich freue mich wirklich, dass du wieder da bist. Aber bist du schon wieder so weit? - Ich mein, ich würde verstehen, wenn du noch etwas mehr Zeit brauchst. Bei unserem letzten Telefonat am Donnerstag erschienst du mir noch sehr deprimiert. Es ist doch...“

Der Mann unterbrach die Frau, mehr durch sein Schweigen und seine Haltung, als durch die Worte, die kaum hörbar seinen Mund verließen. Mit gesenktem Kopf und fast geschlossenen Augen flüsterte er:

„Ich vertraue dir, okay. Und ich mag dich und arbeite gerne mit dir zusammen. Aber das ist kein Thema für die Arbeit. Irgendwann musste ich wieder anfangen. Einen richtigen Zeitpunkt dafür gibt es wohl nicht. - Also. Ich habe den halben Vormittag damit verbracht Akten zu lesen, um auf dem neuesten Stand zu sein. Habe außer der Chefin niemanden gesehen oder gesprochen. Sagst du mir jetzt was los ist oder muss ich später die Jungs fragen?“

Susanne Mattes verkniff sich eine weitere Bemerkung zu Robert Koofs psychischem Zustand, zauberte ein Lächeln auf ihr Gesicht und gab dem Drängen des Kollegen nach.

„Also gut. Zsoltan. Er wollte Zsoltan kündigen. Der war für ein paar Tage abgetaucht. Hab es zu spät mitbekommen. Als er wieder auftauchte, war der Krankenschein gefälscht. Das gab `ne Abmahnung. Zwei Tage später kam Zsoltan alkoholisiert aus der Mittagspause. Und dann...“

„Ja, dann war dem großen Herrn und Meister Ladewig alles klar und er musste zum Wohle des Arbeiter – und Bauernstaates die Ordnung und Moral der Brigade wiederherstellen. Das geht natürlich nur, in dem er so ein unwürdiges Subjekt wie Zsoltan entfernt. - Wie hast du ihn vom Gegenteil überzeugen können?“

Erneut lächelte die Frau. Nun fast schelmisch.

„Ich habe allen erzählt, die es etwas angeht, dass der Junge unter deinem persönlichen Schutz steht und keinesfalls etwas Unwiderrufliches gegen ihn unternommen werden dürfe, ohne dass du involviert bist. Manchmal reicht es nur deinen Ruf zu benutzen, auch wenn du abwesend bist.“

Nun mussten beide herzlich lachen.